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Eine Mitarbeiterin im Krankenhaus streckt Mund-Nasen-Schutzmasken und Desinfektionsmittel in die Kamera.

Beate Schöneck vom Institut für Krankenhaushygiene des Klinikums Stuttgart hat das Coronavirus aus der Perspektive eines außergewöhnlichen MINT-Berufs kennengelernt: Sie sorgt als Hygienefachkraft in der Klinik dafür, dass sich gefährliche Erreger nicht weiter ausbreiten. Mit der Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen spricht sie über die Rolle der Hygiene in Krankenhäusern vor und während der Coronakrise

Wer ein Krankenhaus betritt, der hat sofort den Geruch von Desinfektionsmittel in der Nase. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass man gerade einen Ort betritt, an dem Hygiene eine sehr wichtige Rolle spielt. Denn in Kliniken leben besonders viele Bakterien und andere Erreger. Etwa 400.000 – 600.000 Menschen* infizieren sich jährlich in deutschen Krankenhäusern mit einer nosokomialen, also einer im Krankenhaus erworbenen Infektion. Dass gerade in Kliniken Infektionen auftreten, ist nicht besonders verwunderlich, denn hier kommen viele Menschen zusammen und jeder einzelne trägt Bakterien, Pilze und Einzeller mit hinein. Das ist ganz natürlich und nicht per se schädlich. Gerät aber ein solcher Erreger zum Beispiel in eine Wunde, kann es gefährlich werden.

Um solchen Krankenhausinfektionen vorzubeugen, gibt es in Kliniken Hygienebeauftragte und Hygienefachkräfte. Dieser Beruf aus dem Bereich der MINT-Fächer sorgt dafür, dass das Krankenhaus einen Hygieneplan hat und diesen auch befolgt. Das spielt nicht nur bei „normalen“ Erregern eine große Rolle, sondern auch bei saisonalen Krankheitswellen wie der Influenza und bei gefährlichen Viren wie dem aktuellen Coronavirus.

Mit Beate Schöneck, Hygienefachkraft im Klinikum Stuttgart, sprechen wir darüber, wie genau die Aufgaben der „Hygiene-Abteilung“ im Krankenhaus aussehen und warum der Beruf in Situationen wie der Coronakrise so wichtig ist.

„Die Ausbreitung können wir nur stoppen, indem wir das hygienische Verhalten der Mitarbeiter in der Klinik sichern.“

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: „Hygienevorschriften“, „Infektion“ und „Corona“ werden 2020 wohl zu den meistgenannten Wörtern gehören. Für Sie als Hygienefachkraft stehen diese Worte für mehr als eine globale Krise, denn sie gehören zu Ihrem persönlichen Berufsalltag. Wenn auch Corona eine eher neuere Herausforderung in den Kliniken ist, so gibt es unzählige andere Keime, Viren und Bakterien, denen die Krankenhaushygiene jeden Tag den Kampf ansagt. Aber wie genau funktioniert das eigentlich?

Beate Schöneck: Kurz gesagt ist es unsere Aufgabe, die Weiterverbreitung von übertragbaren Krankheiten zu vermeiden. Die Ausbreitung können wir nur stoppen, indem wir das hygienische Verhalten der Mitarbeiter in der Klinik sichern. Dazu haben wir aber auch beispielsweise die Auswahl der Antibiotika bei der Medikamentenvergabe im Blick. Wir erstellen Hygiene- und Desinfektionspläne für jeden einzelnen Bereich und schulen laufend das gesamte Krankenhauspersonal darin. Das betrifft auch scheinbar simple Tätigkeiten wie die ausreichende Händedesinfektion, für die wir sogar den „Aktionstag für saubere Hände“ durchführen. Bei den Schulungen trainieren wir mit speziellen UV-Lampen die richtige Anwendung von Händedesinfektionsmittel.

Die Arbeit von uns Hygienefachkräften ist aber nicht nur auf Mitarbeiter gerichtet, sondern auch auf die Patienten, die eine übertragbare Krankheit haben oder mit einem resistenten Keim besiedelt sind. Sie gilt es so schnell wie möglich zu erfassen und von den anderen Patienten zu isolieren, damit es zu keiner Übertragung kommt. Durch spezielle Screening-Maßnahmen erkennt das Personal solche Patienten schnell. Wir Hygienefachkräfte bekommen die Befunde dann digital übermittelt und müssen überprüfen, ob die erforderlichen Hygiene-und Isolierungsmaßnahmen eingehalten werden.

„Obwohl natürlich absolute Vorsicht geboten war und noch immer ist, haben die vielen Meldungen in den Medien einige sehr verunsichert.“

L. F. i. M.: Vielerorts hörte man im Zusammenhang mit der Coronakrise von sehr guter Vorbereitung und Ausstattung in den Kliniken. Denn aufgrund der funktionierenden Maßnahmen blieben viele Corona-Betten leer. Wie sahen die Vorbereitungen auf die Krise für Ihr Institut, die Krankenhaushygiene, aus?

B. S.: Zu Beginn der Krise waren wir mit zwei großen Herausforderungen konfrontiert: Einerseits wusste man noch nicht, wie gefährlich und wie leicht übertragbar das Virus ist. Andererseits hieß es, die Schutzausrüstung könnte knapp werden. Deshalb überlegten wir uns ein Konzept zum ressourcenschonenden Umgang mit der Schutzkleidung. Unsere Hauptaufgabe war es dann, das Personal im Umgang damit zu schulen.

Zur Veranschaulichung habe ich gemeinsam mit einer Kollegin einen Schulungsfilm gedreht, in dem wir zeigen, wie man Schutzkleidung korrekt an- und ablegt ohne sich selbst zu gefährden. Wir sind in jeden einzelnen Bereich der Klinik gegangen und haben die Mitarbeiter in den korrekten Umgang eingewiesen. Manchmal mussten wir dem medizinischen Personal auch psychologisch zur Seite stehen und ihnen irrationale Ängste nehmen. Obwohl natürlich absolute Vorsicht geboten war und noch immer ist, haben die vielen Meldungen in den Medien einige sehr verunsichert.

„Für die Klinik-Mitarbeiter wurde eine eigene Abstrichstelle eingerichtet.“

L. F. i. M.: Führte die Krise je zu einer Überforderung der Klinik oder des Personals?

B. S.: Nein, was die Anzahl an COVID-19-Patienten betraf, war die Situation zu jedem Zeitpunkt entspannt. Es gab keine Engpässe in der Patientenversorgung, es gab immer ausreichend Beatmungsgeräte und kein Patient musste abgewiesen werden. Die Mitarbeiter sind sehr gewissenhaft, es halten sich alle an die vorgegebenen Hygieneregeln.

Und was das Hygienepersonal angeht – wir waren von Anfang an mit eingebunden und es lief alles sehr strukturiert und wenig chaotisch ab. Schon als im Klinikum die Corona-Ambulanz eingerichtet wurde, haben die Hygienefachkräfte dort mitgearbeitet und Patienten betreut und Corona-Abstriche gemacht. Wir hatten einen eigens dafür erstellten Einsatzplan, bei dem wir uns über zwei Monate mit Diensten abgewechselt haben.

L. F. i. M.: Trotz aller Vorsicht steckt sich sicher auch mal ein Mitarbeiter an, richtig? Wie gehen Sie mit Verdachtsfällen beim Personal um und wie kann man das Personal schützen?

B. S.: Das Personal, welches mit Verdachtsfällen oder bestätigten Fällen in Kontakt kommt, trägt zum eigenen Schutz immer eine FFP2- oder FFP3-Maske und eine Schutzbrille. Wichtig ist auch eine korrekte Basishygiene. Die Verdachtsfälle beim Personal sind in ein klares Schema eingeteilt, je nach Situation werden die Mitarbeiter auf COVID-19 abgestrichen und in Quarantäne geschickt oder sie dürfen noch weiterarbeiten. Für die Mitarbeiter wurde eine eigene Personalabstrichstelle eingerichtet.

„OP-Patienten werden ein bis zwei Tage vor der Aufnahme auf COVID-19 getestet.“

L. F. i. M.: Was sind die wichtigsten Hygienevorschriften in Ihrer Klinik in Bezug auf Corona?

B. S.: Definitiv das Besuchsverbot bei Patienten, bzw. jetzt nach der Lockerung die Besuchsbeschränkungen. Auch die Händehygiene gehört zum Basisschutz. Und alle Mitarbeiter, auch die in administrativen Bereichen, müssen natürlich einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Zu Beginn der Krise gab es auch ein Versammlungsverbot, das jetzt auf allgemeine Abstandsregeln reduziert wurde. Alle Patienten, die im Klinikum einen Eingriff oder eine Untersuchung bekommen, werden zudem ein bis zwei Tage vor der Aufnahme auf COVID-19 getestet.

L. F. i. M.: Trotz all dieser Maßnahmen muss man vermuten, dass Ihr Institut für viele Menschen weniger sichtbar ist als zum Beispiel das Pflegepersonal und Ärztinnen und Ärzte. Vor der Coronakrise war der Beruf wenig im öffentlichen Diskurs. Dabei ist es für jede Klinik unabdingbar, Hygienevorschriften und -kontrollen zu haben. Welche Erfahrungen haben Sie mit der Wahrnehmung Ihres Berufsfelds innerhalb und außerhalb der Klinik gemacht? Und hat sich durch die Coronakrise etwas daran geändert?

Der MINT-Bereich „Hygiene“ steht nicht für Putzen und Sauberkeit, sondern für Planung und Technik.

B. S.: Fest steht: Das Institut wird zu wenig wahrgenommen. Auch die Arbeit als solche ist den wenigsten Menschen bekannt. Wenn die Leute „Hygiene“ hören, denken sie immer an Putzen und Sauberkeit. Innerhalb der Klinik konnten wir während der Krise unsere Bedeutung deutlich herausarbeiten, schon wegen der vielen Schulungen, die wir gemacht haben. Die Wahrnehmung außerhalb wird sich aber nicht wirklich verändert haben.

L. F. i. M.: Wie kamen Sie zu Ihrer Tätigkeit als Hygienefachkraft und was haben Sie davor gemacht?

B. S.: Direkt davor habe ich auf einer großen anästhesiologischen Intensivstation gearbeitet. Die Arbeit war zwar intensiv und anstrengend, hat mir aber immer großen Spaß gemacht. Leider hatte ich vor einigen Jahren einen Unfall und konnte eine Weile gar nicht mehr arbeiten. Danach war ich körperlich nicht mehr so belastbar und musste mir einen neuen Plan überlegen. So kam ich zur Krankenhaushygiene – denn dort hatte ich immer noch Kontakt zu meinen früheren Arbeitsbereichen, kam aber besser mit den Arbeitsbedingungen zurecht.

„Das Virus darf man auf keinen Fall verharmlosen, aber man sollte es mit einem absolut rationalen Blick betrachten.“

L. F. i. M.: Welche Eigenschaften muss eine gute Hygienefachkraft mitbringen und was zeichnet Ihrer Meinung nach diesen MINT-Beruf besonders aus?

B. S.: Eine Hygienefachkraft muss in vielen Bereichen besonders interessiert sein. Wenn man wie ich Bereiche betreut, in denen sehr viele technische Geräte eingesetzt werden, dann sollte man auch ein gewisses Interesse für Technik mitbringen. Auch ein wenig mathematisches Grundverständnis ist von Vorteil, da die Infektionsstatistik zu unseren Aufgaben gehört. Für die Kommunikation mit den Mitarbeitern ist andererseits eine Menge soziale Kompetenz erforderlich.

Genau diese Vielseitigkeit ist für mich ein großes Plus an der Arbeit. Wir werden sogar bei Neubauten in die Planung mit einbezogen und sind auch später bei der Ausführung von Bauarbeiten dabei, um die Einhaltung der Hygienevorschriften zu überwachen. Einen großen Vorteil sehe ich auch darin, dass ich mir meine Arbeit komplett selbst einteilen kann – das war auf der Intensivstation ganz anders.

L. F. i. M.: Beeinflusst Ihr Job Sie privat im Umgang mit der Coronakrise? Gehen Sie mit der Krise anders um als Ihre Freunde und Familie?

B. S.: Ich würde sagen, dass ich mit der Coronakrise sehr viel gelassener umgehe als die allgemeine Bevölkerung, zumindest, was die gesundheitlichen Aspekte angeht. Das Virus darf man auf keinen Fall verharmlosen, aber man sollte es mit einem absolut rationalen Blick betrachten.
Mein Fachwissen und der Umgang mit dem Virus als Hygienefachkraft sorgen dafür, dass ich die Fakten im Blick behalte. Außerdem habe ich großes Vertrauen in unser Gesundheitssystem und in unsere Intensivmedizin. Durch meine jahrzehntelange Arbeit im Intensivbereich weiß ich, was heutzutage in der Medizin möglich ist.

Wir bedanken uns bei Beate Schöneck für das Gespräch.

* Pressemitteilung Robert Koch-Institut, 2019

Die Hygienefachkraft Beate Schöneck blickt freundlich lächelnd in die Kamera. Sie hat schwarze Haare und trägt dunkelroten Lippenstift und eine weiß-blau-gestreifte Bluse.

Infos zu Beate Schöneck:

Beate Schöneck arbeitet seit 2018 als Hygienefachkraft im Klinikum Stuttgart und gehört dem Institut für Krankenhaushygiene an, welches von Prof. Dr. med. Matthias Trautmann geleitet wird. Direkt nach der mittleren Reife begann Beate Schöneck in den 1980er-Jahren eine Ausbildung in der Krankenpflege am Katharinenhospital Stuttgart. Nach dem Examen hat sie dort auch ihren ersten Arbeitsplatz auf der Intensivstation angenommen, den sie bis 2017 in verschiedenen Rollen behielt. Beate Schöneck bildete sich über die Jahre auf verschiedenen Wegen weiter: Während ihrer Zeit im Katharinenhospital holte sie zunächst ihr Abitur nach und entschied sich dann für eine Fachweiterbildung zur Anästhesie- und Intensivkrankenschwester. 2017 folgte die Weiterbildung zur Hygienefachkraft beim Landesgesundheitsamt in Stuttgart, welche sie schließlich ins Institut für Krankenhaushygiene am Klinikum Stuttgart führte.

Foto: Beate Schöneck

Mehr zum MINT-Beruf Hygienefachkraft:

Die Hygienefachkraft unterstützt die Klinikmitarbeiter (Ärzte und Pflege) bei der Intervention bei Krankenhausinfektionen und steht im Alltag und in Krisensituationen beratend zur Seite. Bei Hygieneproblemen vor Ort analysieren Hygienefachkräfte und tragen zu Lösungen bei. In Deutschland kann man sich in einer ein- bis zweijährigen Weiterbildung zur Hygienefachkraft ausbilden lassen, wenn man schon eine Ausbildung und Berufserfahrung in der Gesundheits- und Krankenpflege oder Gesundheits- und Kinderkrankenpflege hat.

Hygienefachkräfte arbeiten in Kliniken meist unter der Leitung einer Krankenhaushygienikerin oder eines Krankenhaushygienikers. Für diese Berufsbezeichnung muss man bereits Arzt oder Ärztin sein und ebenfalls eine Weiterbildung machen, z.B. den Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin und/oder Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie.

Ausführliche Informationen zum Berufsbild der Hygienefachkraft finden Sie auf dieser Informationsseite.

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