In Evas Familie haben Glaserei und Fensterbau einen festen Platz. Ihr Vater ist Glaser, genauso wie Großvater, Urgroßvater und noch weitere Generationen davor es waren. Trotz dieser traditionsreichen Biographie ihrer Familie wagte Eva ihren Einstieg in das Handwerk erst nach einem kurzen Ausflug – oder wie sie sagt: Irrgang – in die BWL. Heute leitet die 32-jährige Glasermeisterin das Familienunternehmen gemeinsam mit ihrem Vater.

Die Kinderstube in der Werkstatt

Evas Verbindung zum Fensterbau könnte nicht enger sein. Schon seit 1840 ist das Unternehmen „Fensterbau Keilbach“ in Familienbesitz, mit Eva mittlerweile in der sechsten Generation. „Unsere Werkstatt und das Büro gehören schon immer zu mir und zu meinem Zuhause“, erzählt sie. Das Wohnhaus der Familie sowie Werkstatt, Ausstellung und Büro des Unternehmens bilden einen großen Gebäudekomplex im hohenlohischen Schöntal-Oberkessach. „Bereits als Kind hatte ich großen Spaß, dort alles zu erkunden“, erinnert sich die 32-Jährige. „Eines meiner Lieblingsspiele war es, mir ein Stück Holz zu schnappen und mit Hammer und Nägeln bewaffnet Muster ins Holz zu nageln.“

Eva-Maria Keilbach sitzt vor einem Holzzaun und blickt durch einen hölzernen Fensterrahmen freundlich in die Kamera.

Erste Etappe: Bürokauffrau

Man könnte also meinen, Eva sei in das Handwerk „hineingeboren“. Tatsächlich fand sie den Weg in den Familienbetrieb aber zunächst über die kaufmännische Schiene: Nach dem Realschulabschluss machte sie auf einem zweijährigen kaufmännischen Berufskolleg ihre Fachhochschulreife, an die sie eine zweijährige Ausbildung zur Bürokauffrau im Betrieb ihrer Familie anschloss.

Obwohl ihr die Arbeit lag und auch gut gefiel, fühlte Eva schon damals den inneren Drang, noch etwas auszuprobieren: „Ich wollte noch etwas anderes erleben und habe mir dann gedacht: warum nicht BWL studieren?“, erinnert sie sich. „Dass die Entscheidung leider nicht die Beste war, habe ich schnell gemerkt und das Studium abgebrochen. Ich war einfach nicht der Typ dafür und wollte die Dinge gerne praktisch angehen.“ Stattdessen arbeitete sie wie schon vor dem Ausflug ins Studentenleben wieder als Bürokauffrau im Familienbetrieb und machte nebenbei noch den Betriebswirt.

Von der Bürokauffrau zur Glaserin

Durch die enge Zusammenarbeit mit den Fensterbauern im Betrieb stieg ihr Interesse, die technischen Zusammenhänge im Fensterbau zu verstehen. „Irgendwann hat es mir dann einfach nicht mehr gereicht, mich um die Verwaltung und Organisation des Betriebs zu kümmern“, erzählt Eva. „Außerdem merkte ich, dass ich mir viele technische Zusammenhänge im Fensterbau nicht einfach selbst anlesen konnte. Ich wollte sie aber verstehen, und so kam ich dann 2012 dazu, die Ausbildung zur Glaserin mit der Fachrichtung Fenster- und Glasfassadenbau zu machen.“

Die Umschulung kostete Eva nur zwei Jahre. Aufgrund ihrer vorherigen Ausbildung zur Bürokauffrau konnte sie direkt ins zweite Lehrjahr einsteigen. Und kaum hatte Eva ihren Gesellenbrief in der Hand, entschloss sie sich zur einjährigen Weiterbildung zur Glasermeisterin. Seit dem 1. Januar 2016 ist sie gemeinsam mit ihrem Vater in der Geschäftsleitung des Unternehmens. „Die Umschulung ins Handwerk war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte“, ist sich die 32-Jährige sicher. „Seit 2015 habe ich meinen Meister, bin selbstständig im Handwerk und glücklich mit dem Weg, den ich gewählt habe.“

Altersunterschied auf der Schulbank

Bei der Ausbildung zur Glaserin war Eva knappe zehn Jahre älter als viele ihrer Mitschüler – und außerdem die einzige Frau. Wie das für sie war? „Dass keine anderen Schülerinnen in der Klasse waren, ist leider der Tatsache geschuldet, dass viele Mädchen gar nicht erst auf die Idee kommen“, betont Eva. „Es fehlt einfach der Input von außen – zu oft wird jungen Frauen direkt zu einem kaufmännischen Beruf oder BWL-Studium geraten. Dass die einzige Berufsschule weit und breit in Stuttgart ist, macht‘s nicht leichter, ist aber wieder ein anderes Thema.“

Der Altersunterschied war die größere Diskrepanz zwischen Eva und ihren Mitschülern. „Als ich an meinem ersten Schultag in die Klasse kam, waren die Jungs erst etwas überrascht und dachten, ich sei vielleicht eine neue Referendarin“, erinnert sie sich. Die „Neue“ wurde aber sehr schnell und freundlich in die Klasse aufgenommen und konnte schon bald mit ihrem Talent, ihrem Ehrgeiz und sehr guten Ergebnissen herausstechen. „In meinem Meisterkurs waren die Verhältnisse dann ganz anders. Geschlecht und Alter traten in den Hintergrund, obwohl ich auch hier die einzige Frau war“, erzählt Eva. „Alle Teilnehmer waren wirklich sehr motiviert, und wir haben uns gegenseitig angespornt.“

Handwerk und Kunst sind enge Verwandte

Aufgrund ihres Hintergrunds als Betriebswirtin und Glasermeisterin ist Eva prädestiniert für die Rolle der „Chefin“ im Fensterbaubetrieb der Familie. Ihr Arbeitsalltag umfasst ein bisschen von allem: Büroarbeit, Werkstatt, Baustelle, Kundenberatung, Personalführung und alles was man als Selbstständiger so zu tun hat. „Zu viel, um alles in Einzelheiten aufzuzählen“, sagt die 32-Jährige lachend. „Ich bin außerdem eine von nur zwei Maschinenbedienern an unserer CNC-Fensterfertigungsanlage – da müssen Aufträge oft unter Zeitdruck fertig werden.“

Neben ihrem Hauptgeschäft arbeitet Eva leidenschaftlich gern für ihren zweiten eigenen Betrieb: „EMKUNST“. So nennt Eva die kunsthandwerkliche Aufarbeitung alter Fensterteile und Glasscheiben. „Das Upcycling alter Fenster ist für mich der perfekte Ausgleich zu meiner Arbeit“, betont die Glasermeisterin. „In der alten Glaswerkstatt meines Opas Hermann kann ich mich zurückziehen, meiner Kreativität freien Lauf lassen und aus Altem etwas Neues entstehen lassen.“

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