Mit 36 in der Physik habilitiert, mit 45 Direktorin eines Max-Planck-Instituts

Gisela Schütz steht vor einer Maschine und untersucht die technischen Komponenten.

Prof. Dr. Gisela Schütz, Physikerin und Direktorin am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Stuttgart und Leiterin der Abteilung „Moderne Magnetische Systeme“ spricht mit der Landesinitiative „Frauen in MINT-Berufen“ über ihre Forschung und deren Rolle für die heutigen technologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen.

Die Physikerin Gisela Schütz ist Direktorin in einem Max-Planck-Institut und damit ein Vorbild für viele Forscherinnen und Forscher ihres Fachs. Sie blickt in einem MINT-Bereich, der wie fast kein anderer als Männerdomäne bekannt ist, auf eine herausragende Karriere zurück und hat trotz dem näher rückenden Ruhestand noch viel vor. Als Direktorin am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme will sie die Weichen für den Forschungsstandard der nächsten Generation an Forscherinnen und Forschern stellen.

Als Grundlagenforscherin der Physik konnte sie nie selbst auf weibliche Vorbilder zurückgreifen, weshalb sie sich seit vielen Jahren in der Frauenförderung engagiert und ihren vielen jungen Kollegen und, wie sie selbst sagt, „leider“ wenigen Kolleginnen ihre eigenen Erfahrungen weitergibt. Die Studien- und Doktorandenzeit widmete die heute 65-Jährige der Kernphysik, bevor sie als junge Postdoktorandin über eine wichtige Erkenntnis zum Magnetismus gelangte, mit dem sie sich auch heute noch als Direktorin ihres Instituts auseinandersetzt.

„Meiner Karriere in der Physik liegt eine spektakuläre Entdeckung zugrunde.“

Landesinitiative Frauen in MINT-Berufen: Frau Prof. Schütz, kurz und knapp: Was macht man eigentlich als Grundlagenphysikerin im MPI?

Gisela Schütz: Wir sind experimentell und methodisch orientiert – das heißt, unser Alltag besteht aus Forschen, Experimentieren, Analysieren. Unser Spezialgebiet in der Physik ist der Magnetismus von Materialien in kleinsten Dimensionen. Das ist zum Beispiel wichtig für Sensoren im Auto sowie in Windrädern, Festplatten, Smartphones, kleinen Robotern oder als MRT-Kontrastmittel. Wir stellen uns grundlegende Fragen dazu, wie sich die Mikrostruktur auf die technische Nutzbarkeit auswirkt. Mit ausgeklügelten Techniken, die wir teilweise jahrelang selbst entwickeln, versuchen wir das zu beantworten. Wie überall in der Forschung müssen die Forschungsergebnisse dann möglichst hochrangig veröffentlicht werden. Als Direktorin muss ich eine etwa 30-köpfige Abteilung leiten, strukturieren und organisieren, und vor allem gute Ideen haben. Wir sind dabei weltweit vernetzt und halten intensiven Kontakt zu unseren Mitstreitern, aber auch zur Konkurrenz.

„Als 30-jährige Postdoktorandin der Kernphysik zeigte ich den etablierten Kollegen, wo es langgeht.“

L. F. i. M. B.: Was hat Sie motiviert, in die Physik einzutauchen?

Gisela Schütz: Schon als ich ein Kind von etwa vier Jahren war, fiel den Erwachsenen um mich herum mein großes Interesse an Naturerscheinungen und Technik auf. In meiner weitläufigen Familie ist das eher selten, ich glaube also nicht an einen sozialen Ursprung meines Interesses. Es ist mir wohl einfach in die Wiege gelegt worden. Physik war und ist mein absolutes Lieblingsfach. Mit 18 Jahren habe ich das Physikstudium gegen den Willen meiner Eltern begonnen. Sie waren beide Lehrer und hätten mich in diesem Beruf sehr viel lieber gesehen. Nachdem ich mein Studium relativ schnell durchgezogen hatte, wurde ich dann mit 29 promoviert und mit 36 habilitiert, und habe einige Rufe erhalten. Mit 42 wurde ich Lehrstuhlinhaberin und nach drei weiteren Jahren Direktorin an einem Max-Planck-Institut.

L. F. i. M. B.: Sie führen eine Karriere, die kaum besser laufen könnte. Wie begründen Sie diesen steilen Werdegang? Mit 36 Jahren zu habilitieren ist ja wirklich eine Seltenheit.

Gisela Schütz: Meinem beruflich glatten Lebenslauf lag tatsächlich eine relativ spektakuläre Entdeckung zugrunde. Als junge Postdoktorandin habe ich damit vollkommen eigeninitiativ meine Karriere fundiert. Ich habe begriffen und gezeigt, dass man mit Röntgenstrahlen nicht nur Dichteunterschiede sieht, sondern auch Verteilungen des Magnetismus des Objekts. Zunächst hat das sowieso keiner geglaubt oder verstanden und mir schon gar nicht zugetraut. Ich kam aus der Kernphysik, einem ganz anderen Gebiet, und kannte in der neuen Community niemanden. Ich bin stolz darauf, dass einige der etablierten Kollegen dort schwer geschluckt haben müssen, als ein unbekanntes 30-jähriges Mädel ihnen zeigte, wo es langgeht. Jetzt wird dieser Effekt weltweit sehr stark genutzt und hat vielen jungen Forschern, darunter mehr Frauen als üblich, den Karriereweg geebnet.

„Ich hatte nie Probleme zu akzeptieren, wenn jemand besser und schlauer war als ich.“

L. F. i. M. B.: Was sind Ihre Erfahrungen in der Rolle als Frau in der Physik und ihrem speziellen Forschungsbereich?

Gisela Schütz: Als junge Forscherin bekam ich viel wichtige Unterstützung von „ritterlichen“ Kollegen, die ich als Mann wohl so nicht erhalten hätte. Ich hatte aber andererseits auch nie Probleme zu merken und zu akzeptieren, wenn ein Mann oder eine Frau besser und schlauer war als ich – ein Riesenvorteil, den viele Männer meiner Meinung nach nicht für sich beanspruchen können.

Den größten Nachteil hatte ich durch meine familiäre Situation, insbesondere im Kampf um die akademisch hohen Posten. Mit drei kleinen Kindern, die ich im Alter von 34 – 39 Jahren bekam, war ich in der Regel weniger ausgeschlafen als die männliche Konkurrenz, die – wie damals üblich – von einer meist nicht berufstätigen Ehepartnerin unterstützt wurde. Die Situation von damals hat sich aber seitdem deutlich gewandelt und dramatisch verbessert. Heute wird eine junge Frau wohl nicht mehr für verrückt erklärt und sogar angegriffen, wenn sie trotz Kindern eine akademische Karriere anstrebt. Aber vielleicht war das ganz gut für meine „Jetzt-erst-recht“-Trotzhaltung.

„Die Frauen müssen MINT-affiner werden, und die MINT-Fächer frauenaffiner.“

L. F. i. M. B.: Warum gibt es trotz der verbesserten Umstände noch immer weniger Frauen als Männer in fast allen MINT-Disziplinen, vor allem der Physik?

Gisela Schütz: Seit 40 Jahren bin ich in die Frauenförderung involviert. Das Thema mündet für mich in zwei Grundfragen, die weder neu noch voneinander zu trennen sind: Liegt das nun doch in den Genen oder ist das nur eine Folge des sozialen Umfeldes? Damit gibt es auch zwei einfache Ansätze: Die Frauen müssen MINT-affiner werden, und die MINT-Fächer frauenaffiner. Beides sind langwierige und komplexe Prozesse, die aber schon gestartet sind. Allerdings sind die heutigen Maßnahmen noch nicht ausreichend, was man an den Zahlen in der Physik sieht, wo sich seit 40 Jahren kaum etwas geändert hat. Es fehlt an Vorbildern, aber auch an intelligenten, realistischen und durchdachten Förderstrukturen für junge Frauen, zugeschnitten auf die MINT-Disziplinen. Grundsätzlich müsste die Gesellschaft die viel zu schlechte naturwissenschaftliche und technologische Allgemeinbildung ernster nehmen, fördern und fordern.

L. F. i. M. B.: Was ist Ihnen als Direktorin am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme wichtig?

Gisela Schütz: Für mich gesprochen: dass ich meine Arbeit gut mache, denn Spaß und Freude an meiner Wissenschaft habe ich sowieso. Für meine Abteilung gesprochen heißt das, dass wir im Schnitt etwa 30 gute Publikationen pro Jahr hervorbringen müssen. Als Chefin gesprochen liegt mir am Herzen, für eine gute Atmosphäre und ein angenehmes Arbeitsumfeld im Institut und der Abteilung zu sorgen. Mir ist die Sicherung der Zukunft meiner mir anvertrauten Doktoranden, Masteranden und Postdocs ausgesprochen wichtig. Ich habe aber inzwischen gelernt, dass lächeln und gut zureden oft nicht reicht. Daher möchte ich so etwas wie eine Vorbildfunktion einnehmen und arbeite sehr, sehr hart, und versuche verlässlich, diszipliniert und schnell zu sein.

„Der Homo sapiens würde nicht mehr existieren, wenn er nicht schlau und anpassungsfähig wäre.“

L. F. i. M. B.: Wie lange bleiben Sie noch in der Physik und Funktion der Direktorin und welche Pläne haben Sie für „danach“?

Gisela Schütz: Ich werde genießen, dass ich weniger Verantwortung trage und mehr Zeit haben, um meine Neugierde zu befriedigen – ich habe einen unstillbaren Wissensdurst nach dem, was mich interessiert und begeistert. Natürlich gehört dazu die moderne Technologie im weiteren Sinne. Vielleicht schreibe ich ein Buch oder ähnliches darüber, in der Hoffnung, ein breiteres Verständnis zu unterstützen. Sollte ich (endlich) Enkel haben und als Oma gebraucht werden, werden diese Pläne natürlich entsprechend modifiziert.

Aber ganz konkret: Ich möchte meine Ambitionen als Hobbymusikerin ausbauen und vielleicht eine Band oder ein Kabarett mit anderen Rentnerinnen und Rentnern aufziehen, vor allem als Singer-Songwriterin. Ich mache schon seit der Jugend Musik und kann es immer noch nicht richtig, obwohl ich seit etwa drei Jahren regelmäßig in unseren Hörsälen übe.  Um mit meinem mittleren Sohn besser diskutieren zu können, muss ich mich noch fleißig mit Soziologie und Philosophie beschäftigen. Vielleicht verstehe ich dann den Gesamtkontext unserer Gesellschaft besser, der die ganze Forschung und Technologie schließlich dienen soll.

L. F. i. M. B.: Die moderne Technologie, die Sie ansprachen, wird immer komplexer – wo führt das aus Ihrer Sicht noch hin?

Gisela Schütz: Das war doch schon immer so, und der Homo sapiens würde nicht mehr existieren, wenn er nicht schlau und anpassungsfähig wäre. Ich setze mich seit einiger Zeit begeistert mit der Geschichte des Menschen und der Technologie auseinander, die sich eben nicht aufhalten lässt. Das war auch schon immer so, und hat stets Angst gemacht, da es neben Gewinnern auch Verlierer geben wird, die in demokratischen Sozialstaaten aber auch aufgefangen werden müssen und können.

„Das menschliche Gehirn wird vermutlich auch 2040 noch unverstanden bleiben.“

Die künstliche Intelligenz wird sich rasch weiterentwickeln und einen großen Raum einnehmen. Meiner Ansicht nach werden auch Lösungen zum Schutz unseres Lebensraums gefunden werden. Die Informationstechnologie wird fantastische Möglichkeiten liefern. Bei den Fortschritten der Gentechnik wird mir etwas mulmig, vermutlich, weil ich nicht genug davon verstehe. In der Grundlagenphysik passiert im Moment nicht so viel, meiner persönlichen Ansicht nach. Ich hoffe, ich erlebe noch mal einen sogenannten Quantensprung und kann auch noch den bemannten Mars-Trip erleben. Die begeisternden Fortschritte in der Medizin faszinieren mich, auch wenn ich davon nur das verstehe, was mein Forschungsfeld berührt bzw. in meinem direkten Umfeld passiert.

L. F. i. M. B.: Was ist Ihre Vision unserer Welt im Jahr 2040?

Gisela Schütz: Bis 2040 wird es auf alle Fälle spannend, aber ich denke nicht dramatischer als in den fast 50 Jahren, die ich überblicken darf. Ich denke, es geht geschmeidig vorwärts. Das Energieproblem sollte gelöst werden können, auch wenn die Fusionsenergie noch nicht mitspielt. Das menschliche Gehirn wird vermutlich trotz aller Bemühungen weiter unverstanden bleiben und die Grenzen der KI werden meiner Ansicht nach deutlicher werden. Pandemische Krankheiten wie Corona werden immer eine Herausforderung bleiben, die wir aber meistern können, und ein großer Meteor wird schon nicht einschlagen.

 

„Eine Ausbildung in einem MINT-Fach ist ein ziemlich sicherer Startpunkt für einen guten Beruf.“

 

L. F. i. M. B.: Haben Sie zum Abschluss hilfreiche Tipps für junge MINT-Interessentinnen?

Gisela Schütz: In der Technik durchzusteigen, das ist gar nicht so schwer. Wer etwas nicht zu verstehen glaubt, sollte daran denken, dass es anderen hinter der „Machomaske“ genauso geht. Bisher ist noch jede(r) vorwärtsgekommen, die/der eine vernünftige Frage gestellt hat. Je mehr man lernt und versteht, umso mehr Freude hat man an technischen und wissenschaftlichen Herausforderungen, auch wenn es manchmal etwas dauern kann. Das traue ich mich sogar zu versprechen. Und nicht zuletzt: Eine gute Ausbildung in einem MINT Fach ist ein ziemlich sicherer Startpunkt für einen guten Beruf und damit ein interessantes und vor allem selbstbestimmtes Leben, das ich jeder jungen Frau von Herzen wünsche.

Wir bedanken uns bei Prof. Dr. Gisela Schütz für das Gespräch und wünschen alles Gute für die nächsten Projekte.
Porträtfoto von Gisela Schütz, die einen leuchtend blauen Blazer trägt, schwarze gelockte Haare hat und freundlich in die Kamera lächelt.

Infos zu Prof. Dr. Gisela Schütz:

Gisela Schütz studierte bis 1979 Physik und wurde 1984 an der Technischen Universität München im Fach Kernphysik promoviert. 1989 wurde sie für ihre Arbeiten zum Studium des Magnetismus mit zirkular polarisierter Synchrotronstrahlung mit dem Klung-Wilhelmy-Wissenschafts-Preis ausgezeichnet. Sie habilitierte sich 1992 im Fach Experimentalphysik, ebenfalls an der Technischen Universität München und wurde im gleichen Jahr auf eine C3-Stelle an die Universität Augsburg berufen. 1997 übernahm sie an der Universität Würzburg den Lehrstuhl für Experimentelle Physik und wirkte dort als Hochschullehrerin. 2001 wurde sie Direktorin am Max-Planck-Institut für Metallforschung, dem heutigen Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme.

Foto: Gisela Schütz, MPI

Mehr über Prof. Dr. Schütz‘ Forschung erfahren Sie hier. Informationen zur Förderung von Frauen durch das MPI und auch durch Frau Schütz, finden Sie hier (Englisch).

Lesen Sie passend dazu auch die Interviews mit weiteren MINT-Heldinnen, die sich mit aktuellen Themen beschäftigen:

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